San Francesco in Assisi – Eine Pilgerreise nach Assisi, zu unseren franziskanischen Wurzeln und zu mir selbst
Pilgern, das bedeutet warten auf die Augenblicke, die uns auf dem Weg begegnen – von Peter Kirchmann
Bella Italia – ein Sehnsuchtsort für viele, wenn es um Urlaub geht. Aber wenn man jetzt an Wallfahrt denkt bzw. eine Pilgerreise, dann denken viele zunächst an den Jakobsweg und an das Ziel am Ende dieses Weges: Santiago de Compostela.
Für franziskanisch Inspirierte laufen beim Pilgern die Gedanken allerdings nicht so sehr nach Spanien, sondern vor allem zu Franz und Klara, und ihrer Geburtsstadt Assisi in Umbrien! Die romantische, mittelalterliche Stadt, wie sie sich im goldenen Abendlicht anschmiegt an den Monte Subasio!
Illustrationen von Helga Ehlen
Der Flug von Frankfurt nach Rom dauert nur eine Stunde. Wie es danach weitergeht, das dauert etwas länger: Mit dem Bus geht es dann weiter nach Assisi durch die traumhaft schöne Landschaft Umbriens. Bewaldete Hügel ziehen wie Wellen an uns vorbei und wechseln ab mit zarten Tälern. Kleine Städtchen liegen auf den Kuppen von Hügeln – gut geschützt. Ich blicke aus dem Busfenster und kann mich gar nicht sattsehen. Da taucht ein Ortschild auf: Gubbio. Dort hat, der Legende nach, Franz den „bösen“ Wolf befriedet. Und wie hat er das gemacht? Er schafft einen Interessenausgleich zwischen den Menschen von Gubbio und dem Wolf. Franz stellt sich dem Wolf in geschwisterlicher, gewaltloser Haltung. Er trägt die Klage der Menschen weiter, aber er hört auch die Klage des Wolfes. Er entwickelt einen Lösungsvorschlag, indem der Wolf etwas tun und die Menschen auch etwas tun müssen: Nämlich dafür, dass der Wolf zukünftig darauf verzichtet, die Menschen anzugreifen, werden diese ihn mit der nötigen Nahrung versorgen. Franz gibt sich aber mit dem bloßen Vorschlag nicht zufrieden, sondern begleitet den Wolf in die Stadt, erklärt den Menschen den Vorschlag und sorgt dafür, dass es zu einer gesicherten Absprache kommt. Nicht immer fällt es so leicht Frieden schaffen, aber diese Legende taugt nicht nur dazu, zu zeigen, wie man es anstellen muss, sondern ist gleichzeitig auch eine Veranschaulichung des Haltungs- und Handlungskonzepts Neue Autorität: Wahrnehmen, eine Entscheidung treffen, geschwisterlich begegnen, Transparenz schaffen, lösungsorientiert all-parteilich handeln, präsent dranbleiben, sich selbst und andere absichern. Wer hätte das gedacht, das 800-jährige Handlungskonzepte aktuell geblieben sind und heute dazu gehörige Begrifflichkeiten bekommen haben.
Die malerische Landschaft Umbriens zieht weiter an uns vorbei und wir kommen im goldenen Licht des Spätnachmittags in Assisi an. Was finden wir dort? Wir finden die verwinkelte Stadt mit den vielen kleinen Gässchen und den vielen Treppen auf- und abwärts. Der schöne alte Marktplatz, die Piazza del Commune, mit dem Brunnen, den kleinen Cafés und Geschäften, dem römischen Minerva-Tempel, den Goethe auch im Zuge seiner Italienreise erwähnt haben soll. Wir finden die Geschäftigkeit der Stadt, Einwohner, die zum Supermarkt wollen und Besucher, Pilger aus aller Welt drängen sich aneinander vorbei auf ihrem Weg zur Basilika Santa Chiara oder zur Kirche Santa Maria Maggiore, wo Carlo Acutis aufgebahrt lag, zur Papstbasilika San Francesco (hier vorn links im Bild) oder mit dem Wunsch nach Abstand von all dem Umtrieb nach dem Kirchlein San Giacomo de Murorupto, wo wir vor dem „Lärm der Welt“ Ruhe finden, hineinhorchen in uns selbst und bei uns selbst ankommen können. Spüren, wie es uns geht, welche Gefühle und Gedanken „hochkommen“ wollen. Für viele ist das schon ein Geschenk: Bei sich selbst sein, im Augenblick verweilen, an nichts denken, nichts tun, nirgendwo hin müssen.
Der heilige Franz (1181/2-1226), der sich aus Liebe zu Christus (und enttäuscht von seinem bisherigen Leben) für ein Dasein in radikaler Armut entschieden hatte und bald viele Anhänger fand. Ja, Gemeinschaft erleben: Das kann man auch gut auf einer Wallfahrt. Wir als Kolleg*innen, wir als Gefährt*innen auf einer (spirituellen) Reise – einer Reise nach Assisi, einer Reise durch das Leben, einer Reise durch unseren Beruf. Nicht frei von Spannungen, aber verbunden als Dienstgemeinschaft im Seraphischen Liebeswerk.
Liebeswerk. Auch wieder so ein Wort. Ein Werk der Liebe – zu den Mitmenschen, zu Menschen, die ausgegrenzt und benachteiligt sind. Wie Franziskus und die Aussätzigen. Die Aussätzigen, mit denen niemand etwas zu tun haben will. Und Franziskus umarmt sie! Der aus der Reihe Tänzer! Und er spürt dabei die „Süßigkeit“ dieser Erfahrung, denn er findet den Sinn seines Lebens. Auf einmal weiß er, wo es für ihn langgeht. Nach Jahren der Suche findet er in der Gewissheit die Sicherheit, schöpft daraus die Kraft für sein Leben und sein Werk und wird damit zu einer Inspiration für andere. Das ist auch so eine franziskanische Qualität: Die Wirklichkeit und die Menschen umarmen, zunächst einmal so, wie sie sind, sagt Br. Christopherus – leicht gesagt.
So faszinierend Assisi auch ist, so geht unser Weg, auch wieder aus der Stadt heraus, bergauf, wo die Eremo delle Carceri sind, die Einsiedelei, mitten im Wald, wohin sich Franziskus mit seinen Gefährten zum Beten und Verweilen immer wieder zurückgezogen hat. Und wenn die Stadt Assisi Einatmen ist, dann sind die Carceri Ausatmen – innehalten, die Schönheit der Natur wahrnehmen, zur inneren Ruhe finden. Mitten im Wald gelegen, bieten sie eine wunderbare Aussicht in die Weite der Ebene.
Franz hat stets in einem Rhythmus von Kontemplation (ausatmen) und dem intensiven Kontakt, der vita activa, mit den Menschen (in der Stadt und anderswo) gelebt. Der Rückzug war nie Selbstzweck, sondern immer auch ein Luft holen, ein Atemschöpfen, um Kraft und Inspiration zu bekommen – für Gott und die Menschen – und sich selbst. Das ist auch so eine Qualität, die wir auf unserer Wallfahrt nach Assisi spüren: Das ausgleichende Wechselspiel von Hinwendung und Abwendung, von Flut und Ebbe, von Anspannung und Entspannung von Kultur und Natur.
Die Liebe zu den Menschen ist ein Teil des franziskanischen Dreiklangs der Liebe. Die Liebe zu Gott, zu sich selbst und zu den Mitmenschen fasziniert bis heute. Dabei ist Franziskus eindeutig einer, der sich was traut – der sich traut, aus der Reihe zu tanzen, alles anders zu machen und letztlich herkömmlichen Erwartungen nicht zu entsprechen – sich auch davon freizumachen. Und so können Franz und Klara auch uns anspornen, selbst einmal aus der Reihe zu tanzen, dabei aber Gott und die Mitmenschen nicht zu vergessen. Tanzen – das Leben tanzen. Wer wollte das nicht? Denn Tanzen ist schön und aus-der-Reihe-Tanzen kann es erst recht sein! Versuchen Sie es doch auch einmal!
Liliana Cavani schreibt: „Franziskus ist kein Mann der Vergangenheit, kein Mann der Gegenwart – eher eine Figur der Zukunft. Wenn die Menschen überleben wollen, müssen sie alle ein bisschen mehr werden wie er.“
Ist es das, was wir suchen, wenn wir nach Assisi gehen? Dass wir zukünftig ein bisschen mehr so werden wie er? Ist es der Wunsch, im vollen Vertrauen darauf, dass wir nie tiefer fallen als in Gottes Hand, dass wir uns etwas trauen, uns selbst etwas zutrauen und damit den anderen auch etwas zuzutrauen – zuzumuten? Wir haben freilich kein Recht darauf, (immer von allen) verstanden zu werden – aber darauf, in unserem Individualismus akzeptiert und respektiert zu werden. Auch wieder: Leicht gesagt.
Und ja, auch das ist es, was wir finden, wenn wir nach Assisi fahren: Nicht nur kommen wir in Kontakt mit unseren franziskanischen Wurzeln. Denn Franziskus lebte in seiner Naturverbundenheit, in seiner Liebe zu Gott und den Menschen Qualitäten, die nicht exklusiv und erstmalig nur von ihm gelebt wurden. Jeder Mensch war und ist im Grunde dazu fähig. Manche mögen es auch so sehen, dass diese Qualitäten auch nicht von ihm, sondern durch ihn kamen. Und wenn wir Franziskus auch nicht selbst verehren, so können wir uns aber bewusst machen, dass eine größere Kraft durch ihn und auch durch uns wirken möchte. Gemeinhin sagen wir als Christen dazu: Gott.
Und auch das finden wir in Assisi: Wir empfinden Dankbarkeit dafür, dass uns das Leben und uns unsere Fähigkeiten geschenkt sind von Gott und indem wir Gutes tun, uns selbst, anderen und in der Welt, dann mögen wir es so sehen, dass wir erlauben, dass Gott durch uns handelt, wie er durch Franziskus gehandelt hat.
Lassen Sie mich zum Ende kommen mit einem aktuellen Wort von Pilgerseelsorger Freidel in Assisi: „Die Leute erahnen in Franziskus eine Art Sehnsuchtsgestalt, die die Dinge verkörpert, die eigentlich jedem Menschen im Leben wichtig sein sollten: die Verbindung mit Gott, der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, der Blick auf die Schöpfung und die Versöhnung zwischen den Religionen.“
Lutz Bohnstengel
Illustrationen von Helga Ehlen


